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Bilder der Pressekonferenz

Was tun bei unerfülltem Kinderwunsch

Pressekonferenz des pro familia Landesverbands zur Stärkung der psychosozialen Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch am 19. Januar 2012

Im vergangenen Jahr hat sich der pro familia Landesverband im Rahmen seines Schwerpunktthemas „Unerfüllter Kinderwunsch“ intensiv mit diesem Thema befasst. In Informationsveranstaltungen, Fortbildungen, Vorträgen etc. haben die neun bayerischen Ortsverbände und der Landesverband von pro familia ihr Beratungs- und Informationsangebot präsentiert. Am Donnerstag, den 19. Januar lud der Landesverband zu einer Pressekonferenz, um die Bedeutung der psychosozialen Beratung im Rahmen bei unerfülltem Kinderwunsch herauszustellen.

Interviewpartner waren neben Birgit Echtler, der Geschäftsführerin des pro familia Landesverbands Bayern e.V., Dr. Annette Tretzel, Diplompsychologin, von der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung (BKID) / zertifizierte Beraterin für psychosoziale Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Prof. Dr. Dr. Wolfgang Würfel, Reproduktionsmediziner, Kinderwunsch Centrum München (KCM) und Claudia Franke, Kinderwunschpatientin aus München.

Die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft ist in den letzten Jahrzehnten scheinbar planbarer geworden. Wenn ein Paar eine Schwangerschaft plant, muss der Kinderwunsch nicht sofort in Erfüllung gehen. Selbst bei einem gesunden Paar beträgt die Chance, bei regelmäßigem Geschlechtsverkehr innerhalb eines Zyklus schwanger zu werden, lediglich 10 bis 30 Prozent je nach Alter. Weniger als 5% aller Paare in Deutschland bleiben dauerhaft ungewollt kinderlos. Für viele dieser Paare ist die Reproduktionsmedizin mit großen Hoffnungen verbunden. Diese hat in den letzten Jahren unbestritten große Fortschritte gemacht. Dabei bedarf es der Information und Aufklärung über die Machbarkeit des Medizinischen. Ca. 50% aller Paare bleiben trotz reproduktionsmedizinischer Behandlung dauerhaft ungewollt kinderlos. Darüber hinaus ist die Behandlung zeit- und kostenaufwändig und diese bzw. der unerfüllten Wunsch nach einem Kind werden oft als große psychische Belastung erlebt. In dieser Situation kann die psychosoziale Beratung unterstützend wirken.

Dr. Annette Tretzel berichtete von ihrem Beratungsalltag bei unerfülltem Kinderwunsch und davon, welche existentielle Krise es für Frauen und Männer auslösen kann, wenn ihr Wunsch nach einem Kind nicht in Erfüllung geht. Untersuchungen belegen, dass die psychosoziale Beratung von einem größeren Teil der Paare, insb. von ungewollt kinderlosen Frauen, gewünscht wird. Bereits wenige Sitzungen haben entlastende Effekte. Die Beratung, so Tretzel, soll die Kinderwunschpatientinnen und -patienten in die Lage versetzen, selbstbestimmt Entscheidungen über Diagnostik, Therapie, Nichtbehandlung oder die Verwirklichung alternativer Lebensentwürfe zu treffen. Dabei geht es in der Beratung, so Tretzel, beispielsweise um Themen wie die Entscheidung für Wege der Behandlung, und deren Grenzen, Partnerschafts- und Kommunikationsschwierigkeiten, den Umgang mit der Hoffnung, die in die medizinische Behandlung gesetzt wird sowie die damit verbundenen Enttäuschung, den Druck, die Ängsten und die Unsicherheiten im Umgang mit dem sozialen Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitskollegen..), die Trauer und den Abschiedsprozess sowie alternative Möglichkeiten der Familienbildung (Pflege, Adoption).

Das Beratungsverständnis von pro familia, so Birgit Echtler, orientiert sich an den sexuellen und reproduktiven Rechten: Danach haben alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, sozialer Stellung, körperlicher Einschränkungen oder Religionszugehörigkeit, das Recht, frei und verantwortungsbewusst über Reproduktion und Familienbildung zu entscheiden. Der pro familia Landesverband fordert die Enttabuisierung der medizinischen Behandlung und der psychosozialen Beratung und damit die Entstigmatisierung der betroffenen Paare. Kinderwunschpatientinnen und -patienten sollte der uneingeschränkte Zugang zu Information und qualifizierter und niedrigschwelliger psychosozialer Beratung möglich sein. Dabei wäre es wünschenswert, dass das psychosoziale Beratungsangebot bereits in die medizinische Kinderwunschbehandlung integriert wird. Darüber hinaus sollte die Aufklärung über Ursachen und Hintergründe von Kinderlosigkeit verstärkt werden.

Laut Professor Dr. Dr. Wolfgang Würfel ist zu beachten, dass die Reproduktionsmedizin nur wiederherstellend wirken kann. Übermenschliches leisten kann sie nicht. Die Fortpflanzungsfähigkeit des Menschen ist ein sehr komplexer Vorgang. Auch wenn Medizinisch heute vieles möglich ist, die Fruchtbarkeit v.a. von Frauen nimmt bereits ab 30 Jahren rapide ab. Er stellt oft fest, dass diese Tatsache immer noch zu wenig bewusst ist. Es hat sich gezeigt, dass Patientenpaare in einer Sterilitätssituation auf verschiedenen Ebenen anzusprechen sind. Ein Arzt kann nicht alles glaubwürdig aus einer Hand leisten. Vom Reproduktionsmediziner erwartet man eine möglichst perfekte Umsetzung bestimmter technischer Verfahren. Die meisten Patientinnen und Patienten würden es aber kaum akzeptieren, wenn ein- und derselbe Arzt gleichzeitig psychosoziale Beratung anbietet. Insofern ist die Zusammenarbeit mit psychosozialen Beratungsstellen sehr hilfreich.

Besonders beeindruckend waren die Ausführungen von Claudia Franke. Die Ärztin und Journalistin ist seit 2005 Kinderwunschpatientin. Aus eigener Erfahrung sowie aufgrund ihrer Tätigkeit als Kinderwunschcoach weiß sie, wie viele Frauen von unerfülltem Kinderwunsch betroffen sind, wie wichtig der Bedarf an sachkundiger und objektiver Information ist und insbesondere der Austausch untereinander.

Die Digitale Pressemappe finden Sie unter www.journalistenakademie.de/presse/. Gerne stehen wir Ihnen für weitere Informationen zur Verfügung

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