Pro familia Bochum feiert die Rezeptfreiheit der Pille danach

 

Pressemitteilung 16.03.2015

Mehr als 15 Jahre kämpft pro familia für den problemlosen Zugang zur Notfallverhütung. Bereits 1999 konnten Frauen in Frankreich die Pille danach unter dem Namen Norlevo rezeptfrei in der Apotheke erhalten. Zahlreiche Länder machten es nach. In Europa blieben lediglich Italien, Polen und Deutschland bei der umständlichen Abgabe über ein ärztliches Rezept.

Die BeraterInnen bei pro familia erlebten täglich, welche Hürden Frauen überwinden mussten, um an das ersehnte Rezept zu kommen. Vor allem am Wochenende kam es immer wieder zu Verzögerungen. Krankenhäuser lehnten es ab, die Pille danach zu verschreiben, ÄrztInnen verwiesen an die gynäkologische Praxis am Montag. Dabei sollte die Notfallverhütung möglichst innerhalb von 24 Stunden nach einer Verhütungspanne eingenommen werden. In diesem Zeitfenster kann sie recht sicher eine Schwangerschaft verhindern.Mit der Rezeptfreiheit der Pille danach sind diese Zeiten nun endlich vorbei. Hat eine Frau die Befürchtung, dass sie beim Geschlechtsverkehr nicht sicher geschützt war, kann sie nun auch abends oder am Wochenende das Medikament in der Apotheke bekommen.

Pro familia begrüßt, dass die Abgabe der Pille danach mit einer Beratung in der Apotheke verbunden ist. Dabei ist für manche der Weg dorthin nicht angenehm. Wer möchte schon gern unter den Augen der neugierigen Kunden darüber sprechen, dass vor 3 Stunden ein Kondom gerissen ist. Dazu gibt es verschiedene Lösungsvorschläge.  Es wäre wünschenswert, dass Frauen in einem abgeschirmten Bereich (z.B. einem Beratungsraum) beraten werden und ihr Anliegen nicht am Tresen besprechen müssen. Schon jetzt gibt es in jeder Apotheke die Möglichkeit, Gespräche in einem geschützten Bereich durchzuführen. Viele KundInnen kennen diese Möglichkeit aber nicht. Ein Hinweis im Schaufenster kann da hilfreich sein. Im Notdienst wäre es günstig, wenn die Frau vorab anrufen könnte, damit intime Fragen bereits vorab geklärt werden und am Schalter lediglich die Ausgabe erfolgt. Es gibt viele Möglichkeiten, die Schwellenängste der Betroffenen abzubauen.

Soweit könnten sich die MitarbeiterInnen der Beratungsstelle in Bochum zurücklehnen. Doch leider gibt es einige Tatsachen, die in der neuen Verordnungsregelung unbedingt nachgebessert werden müssen. Ein Skandal ist, dass ausgerechnet junge Mädchen und Frauen keinen erleichterten Zugang haben. Das Gesundheitsministerium hat entschieden, dass diese Gruppe weiterhin ein ärztliches Rezept braucht, um die Pille danach kostenlos zu erhalten. Pro familia kennt die Situation von jungen Frauen. Sie sind diejenigen, die das niederschwelligste Angebot brauchen. Mädchen  geben oft auf, wenn sie in Krankenhäusern abgewiesen werden und verzichten auf die Einnahme der Pille danach. Die Tablette einfach in der Apotheke bezahlen können die meisten jedoch nicht. Der Preis von 18 bis 35€ übersteigt oft das magere Taschengeldbudget.

Zur Lösung des Problems gibt es gute Vorschläge von Seiten der Apothekerkammer. In der Pharmazeutischen Zeitung vom 2.03.2015 schlägt Frau Dr. Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, vor, ein neues Abrechnungsformblatt zu entwickeln, mit dem die Apotheken die Abgabe des Notfallkontrazeptivums direkt mit den Krankenkassen der Frauen unter 20 Jahre abrechnen können. Dies würde ermöglichen, dass auch Mädchen und junge Frauen die Pille danach zeitnah in der Apotheke erhalten können. Pro familia unterstützt diese Initiative und hofft, dass sie möglichst bald umgesetzt wird.

 

Pille danach rezeptfrei- wer glaubt denn daran?    

Statement 2.12.2014

Pro familia Bochum glaubt erst an die rezeptfreie Abgabe der Pille danach in Deutschland, wenn die erste Frau die Tablette in der Apotheke erstanden hat!!  Pro familia kämpft schon Jahrzehnte für die rezeptfreie Abgabe. Immer wieder gab es Momente, wo wir kurz davor standen, dass das Recht von Frauen verwirklicht wird. Kaum erscheint die Nachricht, dass die europäische Zulassungsbehörde für Arzneimittel die Rezeptpflicht für die Pille danach „ellaOne“ aufheben will, da treten in Deutschland schon wieder die ersten Bedenkenträger auf. Nun will der Gesundheitsminister  Hermann Gröhe[1] hohe Anforderungen an die Beratung in den Apotheken stellen und der CDU Gesundheitsexperte  Jens Spahn möchte es gerade Jugendlichen erschweren, an die „Pille danach zu kommen“. Die Ideallösung wäre doch,so Spahn,  dass Jugendliche die Pille danach nur kostenlos bekommen, wenn sie sich das Medikament von einem Arzt verschreiben lassen.

Wer Deutschland und die Diskussion um die sexuelle Selbstbestimmung der Frau kennt, ahnt spätestens jetzt: Deutschland wird es wieder schaffen, die Rezeptfreiheit so lange wie irgendmöglich hinauszuzögern.

Und wieder mal wird das Bild der Frauen bedient, die nur auf die frei käufliche  Notfallverhütung warten, damit sie endlich ohne jede Vorsicht freien Sex haben können. Daher brauchen sie den verantwortlichen Arzt oder Apotheker, der ihnen mal ordentlich ins Gewissen redet.  Aber: Frauen sind nicht dumm, sie sind nicht verantwortungslos. In den meisten Fällen wird derzeit die Pille danach nach einer Verhütungspanne verschrieben. Und die , die nicht verhütet haben? Meistens sind es die Männer, die kein Kondom benutzen wollen, können oder keins dabei haben. Wenn eine Frau  nun doch Verantwortung übernimmt, wie beschämend ist es da, in einer nächtlichen Warteschlange zu sitzen und sich dann von einem Arzt fragen zu lassen, ob frau noch nichts von Verhütungsmitteln gehört habe.

Ganz nebenbei. Medizinisch betrachtet geschieht derzeit etwas Unglaubliches. Schon jahrelang gilt die so genannte Levonorgestrel- Pille danach(in Deutschland als Pidana® auf dem Markt) international als unbedenklich. Trotzdem haben es CDU Politiker, Ärztevertreter und die Pharmafirma HRA Pharma, die beide Pille danach Präparate herstellt,  geschafft, die Freigabe zu verhindern.

Nun soll im Gegenzug die Ulipristal- Pille danach (ellaOne®) rezeptfrei werden. Das Produkt ist erst ein paar Jahre auf dem Markt. Noch im Mai 2014 merkt das Bundesamt für Arzneimittelsicherheit an, dass ellaOne® bei bestehender Schwangerschaft kontraindiziert ist[2], also nicht gegeben werden darf. Das macht die rezeptfreie Abgabe in der Apotheke schwierig. Nun sollen neue Zahlen vorliegen, die die Unbedenklichkeit bei bestehender Schwangerschaft belegen sollen. Argwöhnisch wird man schon. Immerhin verdient die Pharma Firma 19,50 € beim Verkauf der ellaOne®, aber nur 6, 00 € bei Verkauf der Pidana®[3]. Im Internet feierte die Firma den Erfolg, als ihr neues Produkt mehr als 50% des Marktanteils in Deutschland übernommen hatte.

Der Erfolg der Notfallverhütung hängt eh davon ab, dass sie leicht zugänglich ist. Das wird mit der rezeptfreien Abgabe der ellaOne® kaum möglich sein. Immerhin kostet diese derzeit 35,40 €. Eine junge Frau, die in der Ausbildung ist, oder die allein erziehende Frau, die mit drei Kindern von Hartz IV lebt, wird es sich dreimal überlegen, ob sie das Geld ausgibt. Darüber sollten sich Politiker und Gesundheitsexperten mal Gedanken machen!!

Das Team der pro familia Beratungsstelle Bochum


[1] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.verhuetung-tauziehen-um-die-pille-danach.741c51ab-3563-4d71-857a-d68fbc5c7045.html

 

[2] http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Gremien/RoutinesitzungPar63AMG/74Sitzung/Ergebnisprotokoll.pdf?__blob=publicationFile&v=2  (Seite 3) Mai 2014

 

[3] http://www.arzneitelegramm.de/html/2011_02/1102022_01.html