Stellungnahme

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Das Recht auf Sexualaufklärung

Jeder Mensch hat das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität unter Anerkennung der Rechte des Anderen. Dieses Recht ist in vielen nationalen und internationalen Dokumenten festgehalten. Es ist Teil des Gesamtkonzepts der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte, das auf der Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo verabschiedet wurde. Sexualaufklärung ist ein Aspekt des schulischen Bildungsauftrags und ein fester Bestandteil in den schulischen Curricula. Kinder und Jugendliche haben demnach das Recht auf eine altersgemäße Sexualaufklärung.

Ein Schwerpunkt von pro familia, dem führenden Verband zu Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung in Deutschland, ist der Bereich Sexualpädagogik. Die Arbeit der pro familia Sexualpädagoginnen und -pädagogen beruht auf der Erklärung „Sexuelle Rechte“ der International Planned Parenthood Federation (IPPF) und hat einen direkten Bezug zu den Menschenrechtserklärungen der Vereinten Nationen. Die IPPF formulierte 2009 in Artikel 8 ihrer Erklärung „Sexuelle Rechte“: „Alle Menschen haben grundsätzlich und gleichberechtigt das Recht auf Bildung und Information sowie auf umfassende Sexualerziehung und Informationen, die notwendig und nützlich sind, um das volle Bürgerrecht und die Gleichstellung im privaten, öffentlichen und politischen Bereich in Anspruch nehmen zu können“. Auch der § 2 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) bekräftigt den Anspruch auf Informationen über Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung.

pro familia orientiert sich an den Standards der Sexualaufklärung, die die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA ausgearbeitet haben. Zu diesen Grundsätzen, auf denen eine ganzheitliche und umfassende Sexualpädagogik basieren soll, gehört, dass sie sich „eindeutig an der Gleichstellung der Geschlechter, an Selbstbestimmung und Anerkennung der Vielfalt“ orientiert.

Eine rechtebasierte Sexualaufklärung betrachtet Sexualität ganzheitlich, im Kontext sozialer sowie emotionaler Entwicklung und ist mehr als reine Wissensvermittlung. Sie hat das Ziel, Kinder und Jugendliche ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechend mit den Informationen, Werten und Kompetenzen auszustatten, die sie für eine selbstbestimmte Sexualität brauchen. Eine umfassende Sexualaufklärung ist wissenschaftsbasiert, informativ und partizipativ und fördert die (sexuelle) Selbstbestimmung sowie den Schutz vor (sexueller) Gewalt. Sie hilft Heranwachsenden, eine positive Einstellung zur eigenen Sexualität sowie Verantwortungsbewusstsein für sich und das Gegenüber zu entwickeln.

Sexualpädagogische Arbeit respektiert die individuellen Rechte und Grenzen von Kindern und Jugendlichen und bezieht sie in ihre Arbeit mit ein. Das Wissen um die eigenen Rechte befähigt junge Menschen dazu, diese wahrzunehmen und einzufordern.

Eine umfassende Sexualaufklärung ist als gesamtgesellschaftlicher Prozess zu verstehen. Sexuelle Bildung und eine altersgemäße Sexualpädagogik ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft und sollte Institutionen wie Schulen, medizinische Einrichtungen, die Jugendarbeit und Eltern mit einbeziehen. Die sexualpädagogischen Angebote der pro familia-Fachkräfte unterstützen Eltern bei der sexuellen Bildung ihrer Kinder. Eine ganzheitliche Sexualaufklärung soll Heranwachsende befähigen, selbstbewusst in unserer demokratischen Gesellschaft zu leben und zu agieren. Damit dies gelingt, braucht es die Zusammenarbeit aller Beteiligten, aber auch die Rücksichtnahme auf die Rechte und die altersgerechten Bedürfnisse der jungen Generation.

Quellen:

WHO-Regionalbüro für Europa und BZgA (2011), Standards für die Sexualaufklärung in Europa.
Rahmenkonzept für politische Entscheidungsträger, Bildungseinrichtungen, Gesundheitsbehörden.

IPPF (2009), Sexuelle Rechte – eine IPPF-Erklärung

Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung (ICPD 1994), Wichtige Maßnahmen für die weitere Umsetzung des Aktionsprogramms der Internationalen Weltbevölkerungskonferenz; UN Doc. A/Res/S-21/2, Abs. 73

IPPF (2014), Eine Welt voller Möglichkeiten. Rahmenkonzept für umfassende Sexualaufklärung.

Stiftung Weltbevölkerung, Interview mit Daphne Hahn, Vorsitzende des pro familia Bundesverbands, Gewalt und Druckausübung sind ein No-Go. Sexualaufklärung in Deutschland und Kenia.