Pressekontakt

Regine Wlassitschau,
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pro familia ist Gründungsmitglied der IPPF und aktives Mitglied des Europäischen Netzwerks der IPPF. Seit 1952 setzt sich pro familia für die Interessen von Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern auf dem Gebiet der sexuellen und reproduktiven Rechte ein.

Heute gehört der Verband national wie europaweit zu den bedeutendsten nichtstaatlichen Dienstleistern der Sexualpädagogik, Familienplanungs-, Sexual- und Schwangerschaftsberatung. In den 180 Beratungsstellen in Deutschland finden Menschen aller Religionen und Nationalitäten fachlich qualifizierte Beratung und sexualpädagogische Unterstützung. Ein Schwerpunkt des Arbeitsprogramms ist die besondere Förderung und Unterstützung sozial benachteiligter Gruppen in der Bevölkerung.

Der pro familia-Bundesverband wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert.

pro familia begrüßt Klärung der Präimplantationsdiagnostik durch BGH-Urteil

Frankfurt, 15. 7. 2010. Zum Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zur Präimplantations-diagnostik (PID) vom 6. Juli 2010 erklärt der pro familia-Bundesverband:


Das Urteil des Bundesgerichtshofs stärkt die Autonomie betroffener Frauen und Paare. Sie können ihrem Kinderwunsch künftig eine größere Chance geben, wenn sie durch schwere Erbkrankheiten vorbelastet sind. Nach Jahren der Unsicherheit ist es nun - strafrechtlich unangreifbar - erlaubt, die Übertragung eines extrakorporal erzeugten Embryos, bei dem schwere genetische Risiken durch die PID ausgeschlossen wurden, durchzuführen.
Das BGH-Urteil hat geklärt, dass keinesfalls gesundheitliche Risiken für Frauen bei einer IVF entstehen sollen. Es hat ebenfalls geklärt, dass eine PID das Embryonenschutzgesetz (ESchG) nicht verletzt. Bei Abfassung des Gesetzes konnte diese erst 1990 im Ausland entwickelte Methode noch nicht berücksichtigt werden; auch sei ein Verstoß gegen den Sinn des Gesetzes nicht erkennbar. Das ESchG erlaubt die extrakorporale Befruchtung mit dem Ziel einer gewünschten Schwangerschaft ohne weitere Einschränkungen.
"Künftig können durch eine Vorabklärung schwerwiegende gesundheitliche Gefahren und psychische und/oder physische Belastungen der Frau vermindert werden, die durch das Austragen der Schwangerschaft, eine Totgeburt, ein Versterben des Neugeborenen nach der Geburt, die Geburt eines schwerstkranken Kindes oder durch einen medizinisch indizierten späten Schwangerschaftsabbruch entstehen können", sagte Prof. Dr. Daphne Hahn, Vorsitzende des pro familia-Bundesverbands.
pro familia teilt die Sicht des BGH, dass die PID geeignet ist, einen Schwangerschaftsabbruch zu verhindern, zu dem sich Betroffene "nach einer ärztlicherseits angezeigten und mit denselben Diagnosemethoden durchgeführten Pränataldiagnostik, hinsichtlich derer eine ärztliche Aufklärungspflicht besteht" - so das BGH - entscheiden.
pro familia würdigt das Urteil des BGH als Ausdruck der Reproduktionsfreiheit und des Respekts vor der besonderen Lebenssituation und den verantwortlichen Entscheidungen von Frauen und Paaren in derartigen Problemlagen sowie der moralischen und rechtlichen Verpflichtung, schwerwiegende Gefahren und Belastungen zu minimieren. Das Urteil des BGH definiert enge Grenzen der Anwendung von PID auf den Verdacht auf schwerwiegende genetische Schädigungen des Embryos und schließt dezidiert selektive Ansprüche oder Wege zum "Designerbaby" aus.
In der Diskussion um das BGH-Urteil zu PID wird vorgeblich mit einer wachsenden Diskriminierung von Menschen mit Behinderung argumentiert. "Aber es sind die einzelnen betroffenen Frauen und Paare, die entscheiden müssen, ob sie ein möglicherweise schwerstbehindertes Kind zur Welt bringen wollen und die Folgen dieser Entscheidung tragen können. Probleme bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung sind politisch, ihre Zugehörigkeit nur gesellschaftlich zu lösen. Es wäre zynisch, diese Verantwortung auf Frauen und Paare mit Kinderwunsch zu verlagern", sagte Prof. Hahn.
pro familia drückt die Hoffnung aus, dass durch das Urteil künftig weniger Paare mit Kinderwunsch ins Ausland ausweichen müssen, um dort Untersuchungen durchführen zu lassen, deren Rechtmäßigkeit in Deutschland nicht geklärt ist. In der von pro familia 2008 in Auftrag gegebenen Expertise "Reproduktives Reisen" hatte die Autorin Dr. Petra Thorn die wachsende Bedeutung dieses Phänomens unterstrichen und darauf hingewiesen, dass den Wunscheltern häufig Informationen fehlen, um die Risiken einer Behandlung im Ausland einschätzen zu können, um Behandlungsmöglichkeiten kritisch zu hinterfragen oder abzulehnen.
pro familia setzt sich seit fast 60 Jahren für selbstbestimmte Sexualität und für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte ein (s. u. und im Anhang). Angesichts der rasanten Entwicklung der Reproduktionsmedizin heißt das, sich immer wieder mit neuen ethischen Fragestellungen und eventuellen medizinische Risiken auseinanderzusetzen. In den Beratungseinrichtungen bietet pro familia Eltern bei Kinderlosigkeit psychosoziale Beratung an. In einer professionellen freiwilligen Beratung stehen Frauen und Paare und ihre Lebenssituation im Mittelpunkt, die Schwierigkeiten während einer Behandlung oder die Konsequenzen nach einer abgeschlossenen Behandlung.