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Schwangerschaftsabbruch - Menschenrecht und Tabu

Veranstaltung mit pro familia Stuttgart und Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg

Die gemeinsame Veranstaltung „Schwangerschaftsabbruch – Menschenrecht und Tabu“ von pro familia Baden-Württemberg, pro familia Stuttgart  und der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg fand am 20. November 2019 in Stuttgart statt.

Programmflyer

Eindrücke

In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch immer noch im Strafgesetzbuch geregelt: unter Voraussetzungen straffrei zugelassen, jedoch rechtswidrig. Damit ist er kein legitimer Bestandteil der gesundheitlichen Versorgung - ein Problem für betroffene Frauen, die schlecht an Informationen kommen, für Ärztinnen, die nicht bzw. nur in ebenfalls strafrechtlich reglementierten Grenzen, darüber informieren dürfen und für die Landesbehörden, die verpflichtet sind, Zugang zu legalen und sicheren Schwangerschaftsabbrüchen zu schaffen. Das Tabu belastet auch das gesellschaftliche Klima.

Etwa 100 Personen waren gekommen, um über Veränderungsansätze mit Dr. Christian Fiala, Wien, Bärbl Mielich, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg und anderen zu diskutieren.

Sarah Diehl, Berlin, war leider kurzfristig erkrankt.
Die Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Dokumentarfilmerin engagiert sich seit 2004 im Bereich der internationalen reproduktiven Rechte von Frauen.
Moderatorin Gigi Deppe stellte an ihrer Stelle kurz das Projekt „Ciocia Basia“ (deutsch: „Tante Barbara“) vor, das Sarah Diehl mit begründet hat. „Ciocia Basia“ ist eine Organisation, die Frauen aus Polen unterstützt, in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche vornehmen zu lassen, da diese in Polen illegal sind.
Die Wochenzeitschrift ZEIT veröffentlichte am 28.11.209 Sarah Diehls Beitrag „Vertraut den Frauen“:
https://www.zeit.de/kultur/2018-09/schwangerschaftsabbruch-paragraf-218-moral-patriarchat-abschaffung

Eröffnung

Annette Goerlich von der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg  machte in ihrer Begrüßung deutlich, dass in Zeiten gezielter Angriffe auf Frauen– und Menschenrechte verteidigt werden müsse, was über Jahrzehnte hinweg erkämpft worden ist.

Dr. Helmut Heilbronner, Vorstandsmitglied von pro familia Baden-Württemberg,  führte den Kern der sexuellen und reproduktiven Rechte aus, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper als zentralen Wert formulieren. Seit der  UN-Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo gelten sie als Menschenrechtsnormen.

Eröffnung Dr. Helmut Heilbronner

Dr. Christian Fiala: Der Kampf um Selbstbestimmung

Dr. Christian Fiala, Wien, arbeitete in seinem Beitrag „Verhütung und Schwangerschaftsabbruch – eine 100 jährige Geschichte des Kampfes um Selbstbestimmung“ geschichtlich das bevölkerungspolitisch motivierte Interesse heraus, die Selbstbestimmung von Frauen über ihre eigene Fruchtbarkeit einzuschränken. Doch wo Verhütung und Schwangerschaftsabbruch verboten sind, werden Frauen in die Illegalität gezwungen – oft mit schrecklichen Folgen für ihre Gesundheit und ihr Leben. Dr. Fiala plädierte vehement für die Streichung des § 218 aus dem Strafrecht: „In Irland dürfen Frauen seit Frühjahr 2019 legal abtreiben. Wieso dürfen wir das in Deutschland noch nicht?“

Seine illustrative Präsentation ist abzurufen unter https://www.gynmed.at/stuttgart

Dr. Christian Fiala, der in Wien eine gynäkologische Praxis und ein Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch leitet und am Universitätsklinikum Salzburg forscht, engagiert sich seit vielen Jahren in der Familienplanung, sowohl in Österreich als auch international und engagiert sich gegen die staatliche Reglementierung des Schwangerschaftsabbruches.

Erfahrungen aus der Arbeit in der Tabuzone

Im Interview mit Moderatorin Gigi Deppe äußerte sich Dr. Wiebke Herter über ihre Erfahrungen in der Tabuzone: die baden-württembergische Ärztin führt seit einigen Jahren im ländlichen Raum Schwangerschaftsabbrüche durch. „Ich empfinde meine Behandlung und Betreuung von Patientinnen beim Schwangerschaftsabbruch als befriedigend, da die Patientinnen gerade in dieser Konfliktsituation es schätzen und dankbar sind, dass sie medizinisch korrekt  und persönlich empathisch behandelt werden“, so Dr. Herter. Obwohl sie im dem unmittelbaren Umfeld keine negativen Erfahrungen macht, stellt sie bei Gesprächen mit Kolleg*innen oft fest, dass plötzlich betretene Stille herrscht, wenn sie darüber spricht, dass sie auch Schwangerschaftsabbrüche durchführe.  Sie wünscht sich mehr Akzeptanz für die Tätigkeit. Auch erwähnte sie, dass die Vergütungssätze für die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen seit mindestens 10 Jahren nicht angehoben wurden.  

Stand der Versorgung in Baden-Württemberg

Gudrun Christ, Geschäftsführerin des pro familia Landesverbandes Baden-Württemberg, stellte die Frage nach der konkreten Versorgungslage in Baden-Württemberg in den Mittelpunkt ihres Beitrages. pro familia hat gemeinsam mit anderen Trägern der Schwangerenberatung Informationen zusammengetragen und eine „Versorgungs-Landkarte“ erstellt, die große Lücken aufweist.

Der Versorgungsauftrag liegt beim Land, doch gibt es bisher keine vollständige Bestandsaufnahme zu Angebot und Situation, vor allem fehlt ein Verfahren zur Versorgungssicherung. Sie plädiert dafür, den Schwangerschaftsabbruch als Teil der gesundheitlichen Versorgung zu verankern und die Institutionen im Gesundheitsbereich in die Pflicht zu nehmen. Ärzt*innen müssten außerdem ebenso wie Schwangerenberatungsstellen vor der Belagerung durch Selbstbestimmungsgegner*innen geschützt werden. 

Beitrag Gudrun Christ

Podiumsdiskussion und offene Diskussionsrunde

Die Podiumsdiskussion mit Dr. Marion Janke, Geschäftsführerin von pro familia Stuttgart, Gudrun Christ, Dr. Fiala und Staatssekretärin Bäbl Mielich, Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg stand unter der Überschrift „Selbstbestimmung und ihre Voraussetzungen – Schwangerschaftsabbruch als Bestandteil gesundheitlicher Versorgung“ und wurde rasch für das Publikum geöffnet. Frau Mielich zeigte sich erfreut über die Diskussion zu einem Thema, um das es lange still war und das gesellschaftlich noch immer stark tabuiert ist. Sie stellte in Aussicht, dass Belagerungen von Praxen und Schwangerenberatungsstellen durch einen Erlass des Landes in Bälde ein Riegel vorgeschoben würde, ähnlich dem hessischen Vorbild. Sie sieht auch das Land in der Bringschuld, die Versorgung sicherzustellen, daran würde gearbeitet. Gudrun Christ stellte die Einbindung von Kliniken bei der Versorgung in den Raum, die im Fall der Uni-Kliniken unmittelbar verpflichtet werden könnten.

Viele Wortmeldungen aus dem Publikum

Kontrovers ging die Diskussion um den medikamentösen Abbruch weiter, vor allem mit der Frage, ob Frauen dafür überhaupt ärztliche Betreuung bräuchten. Dr. Fiala hatte aus Indien berichtet, wo die Medikamente frei verkäuflich seien - Frauen hätten dort volle Selbstbestimmung, sehr früh einen Abbruch herbeizuführen, der von einem natürlichen Abort nicht zu unterscheiden sei. Einige Ärztinnen aus dem Publikum brachten ihre Erfahrungen mit dem medikamentösen Abbruch ein und äußersten sich auch zur Qualität der Ausbildung: jede Fachärzt*in lerne im Prinzip die notwendigen operativen Techniken. Sehr lebhaft war die Diskussion auch zur Pflichtberatung vor einem Schwangerschaftsabbruch. Frau Dr. Janke schilderte die Hürden, die bei jedem Konfliktberatungsgespräch überwunden werden müssten: „Viele Frauen sind unsicher und meinten, sie müssten die Beraterin überzeugen, obwohl sie ihre Entscheidung längst getroffen haben. Eine Beratungsatmosphäre muss immer erst geschaffen werden.“ Dr. Fiala stellte grundsätzlich in Frage, dass eine Pflichtberatung eine offene Beratung sein könne. Dr. Janke plädierte für ein freiwilliges Beratungsangebot, kostenfreie Verhütung und den Ausbau der sexuellen Bildung.