Portrait Friederike Harter

15 Jahre war Sozialpädagogin Friederike Harter bei der pro familia Singen für Menschen in verschiedensten Lebens- und Notlagen da – nun geht sie in den Ruhestand. Ab Juni überlässt sie das Feld der nächsten Generation von pro familia-Berater*innen.

Friederike Harter ist eine sympathische Frau mit offenem, warmen Blick – man fühlt sich bei ihr gleich gut aufgehoben. Ein großer Vorteil, wenn man wie sie täglich Menschen in schwierigen Lebenslagen berät. Seit 15 Jahren arbeitet die Diplom-Sozialpädagogin für pro familia Singen und kümmert sich um die unterschiedlichsten Klienten in ebenso unterschiedlichen Lebenslagen.

Ein Start mit Pause
Eigentlich sind es sogar 17 Jahre“, lacht Harter. „Aber zwischendrin gab es eine Pause.“ Und diese war – wie bei ihr üblich – mehr als ausgefüllt: Nach nur zwei Jahren Tätigkeit bei der pro familia Singen, zog sie 1998 mit ihrem Ehemann und ihren Kindern nach Argentinien. Auslandserfahrung hatte die Familie schon früher gemeinsam in Kolumbien gesammelt: „Mein Mann war sechs Jahre in Medellín und später in Buenos Aires an der deutschen Schule beschäftigt. Ich habe mich in mehreren Frauenprojekten engagiert und mich um unsere drei Kinder gekümmert“, berichtet Friederike Harter.

Berufliche Heimat gefunden
Eine spannende Zeit für die Familie – doch nach vier Jahren Argentinien zog es sie wieder nach Deutschland. „Gerne hätte ich gleich wieder bei pro familia Singen gearbeitet, doch leider war keine Stelle frei“, bedauert Harter. Stattdessen setzte sie ihr Wissen zunächst beim Sozialdienst im Singener Krankenhaus ein – eine zwiespältige Erfahrung: „Der Sozialdienst ist eine wichtige und eigentlich auch befriedigende Tätigkeit. Doch wie überall im Krankenhausbereich muss man unter großem Druck arbeiten, für die Patienten bleibt oft nicht genug Zeit. Daran hat sich bis heute leider wenig geändert“, bedauert Harter.

Zeit für die rat- und hilfesuchenden Menschen zu haben, ist der Sozialpädagogin aber sehr wichtig – und war deshalb auch ein Grund, um 2005 wieder zu pro familia Singen zu wechseln. Ein Schritt, den sie nie bereut hat: „Bei pro familia habe ich meine berufliche Heimat gefunden. Meine grundsätzlichen Interessen wie Frauenrechte, Frauenbewegung, sexuelle Selbstbestimmung sind hier gut repräsentiert. Und ich arbeite in einem menschlich wie fachlich tollen Team.“

Im Einsatz für und mit besonderen Zielgruppen
Diese gute Arbeitsumgebung hat die ohnehin umtriebige Sozialpädagogin stets beflügelt. So ent­standen auf ihre Initiative und mit ihrer Beteiligung innovative Beratungskonzepte. Beispielsweise „kugelrund“, ein Geburtsvorbereitungskurs für jugendliche Schwangere, die Erweiterung der Sexualberatung für Menschen mit Behinderung oder die Beratung für Menschen mit Migrations-hintergrund.

Insbesondere die sexualpädagogische Arbeit mit Menschen mit Behinderung war zunächst eine große Herausforderung für sie. „Das war ja totales Neuland für mich, aber auch für pro familia überhaupt und auch recht aufwändig“, so die quirlige Sozialpädagogin. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Pro familia Singen ist heute eine der wenigen Einrichtungen im Land, die sexualpädagogische Angebote für Menschen mit Behinderung macht. „Diese Arbeit ist sehr erfüllend – und die Klienten oft überraschend offen“, meint Harter lächelnd.

Am Herzen liegen ihr aber auch Migrant*innen mit geringen Deutschkenntnissen: „Ich kenne das ja aus eigener Erfahrung – ein fremdes Land, andere Regeln, eine andere Kultur, sprachliche Verständigungsprobleme. Keine einfache Situation. Da ist man froh, wenn jemand hilft“. 

Beratung im Wandel der Zeiten
Überhaupt haben sich die Inhalte der Beratungen verändert, meint Harter. „Die Berater*innen müssen sich heute z.B. deutlich besser mit sozial- oder auch arbeitsrechtlichen Belangen auskennen, wie z.B. der Beantragung von Elterngeld oder den Rahmenbedingungen von Elternzeit. Das Beratungsspektrum hat sich deutlich erweitert“, erläutert die Sozialpädagogin. Dabei geht es jedoch nicht darum den Klienten alles abzunehmen oder sie gar zu bevormunden. Hilfe zur Selbsthilfe, das ist der Ansatz der pro familia Singen – und damit macht das Team gute Erfahrungen.

Natürlich gibt es auch immer wieder mal Probleme und anstrengende Zeiten. „Klar, das gehört ja auch dazu. Über manche Dinge kann ich mich auch so richtig aufregen – zum Beispiel das Thema Hebammen. Wie kann es sein, dass heutzutage nicht jede Frau eine Hebamme findet? Hier läuft was ganz schief in Deutschland“, meint Friederike Harter deutlich verärgert. „Aber immerhin - wir sind froh, dass wir unseren Klienten noch unsere Familienhebamme vermitteln können, die sich nach der Geburt um die Familien kümmert,“ fährt sie versöhnlich fort.

Gute Vernetzung war ihr schon immer wichtig
Dass dies so ist, führt sie u.a. auch auf die gute Vernetzung der pro familia Singen zurück: „Netzwerkaufbau und Netzwerken ist mir und uns wichtig. Wir nehmen deshalb an zahlreichen regionalen und überregionalen Arbeitskreisen teil, wie z.B. dem Babyforum. Mit anderen Schwangerenberatungsstellen haben wir auch gute, gemeinsame Projekte auf den Weg gebracht, wie z. B. den Fonds für Verhütungsmittelkosten des Landkreis Konstanz“.  Das koste natürlich viel Zeit und Energie, diene aber der Sache, meint die Sozialpädagogin.

Neues zu lernen sei ohnehin immer wichtig – auch, wenn man kurz vor der Rente steht: „Das Corona-Virus hat auch unsere Arbeit digitalisiert. Dass wir je reine Telefon- oder Videoberatung anbieten oder unser Teammeeting per Videokonferenz abhalten würden, hätte ich nie gedacht. Eine ganz besondere Erfahrung“.

Was wird fehlen – was wird kommen?
Solche beruflichen Erfahrungen kann Friederike Harter nun getrost an die Kolleg*innen abgeben und sich auf einen neuen Lebensabschnitt zu konzentrieren. Was wird ihr am meisten fehlen? „Das bunte, menschliche Leben, die teils tiefen Einblicke, die ich in die verschiedensten Lebensentwürfe gewinnen durfte. Mal traurig, mal tragisch, mal lustig, oft auch skurril – das werde ich sicherlich vermissen. Und natürlich auch mein Team.“

Langweilig wird es der quirligen Sozialpädagogin sicherlich nicht werden. Dafür werden schon ihre Enkelkinder sorgen. Und dann sind ja da noch zahlreiche Hobbys wie Wandern, Fahrradfahren, Reisen, Singen. Es ist also Zeit, um das eigene, bunte Leben noch mehr zu genießen.

Wir wünschen unserer Kollegin, dass ihr die Zukunft lauter schöne Zeiten bringen möge und danken ihr herzlich für viele wunderbare, gemeinsame Jahre – wir werden sie sehr vermissen!

Das pro familia Singen-Team