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10 Jahre pro familia vom 29.11.2016

Die soziale Beratungsstelle Pro Familia feierte gestern ihr zehnjähriges Bestehen. Viele Gäste waren gekommen, darunter auch mehrere Vertreter der Stadtpolitik.

Eingeladen hatte das Team ins Gewerkschaftshaus. Der Grund: Die Büros Am Holzmarkt sind noch nicht barrierefrei, wie Geschäftsführerin und Macherin der ersten Stunde, Evi Tietmann, erklärte. Das solle sich in nächster Zukunft ändern. Man sei auf der Suche nach geeigneten Räumen, so die Chefin. Und das aus gutem Grund. Pro Familia berät seit fünf Jahren auch behinderte Personen und Paare zu Themen rund um Beziehung, Familie und Sexualität. Das sagte Mitbegründerin Angelika Wegener-Hüssen in ihrer Begrüßungsrede.

15 Jahre sei es her, dass eine Handvoll Frauen sich zusammenfand, um die Beratungsstelle in der Schanz zu gründen, so Wegener-Hüssen weiter. Sie berichtete von anfänglichen Schwierigkeiten. "Der Freistaat hat es uns nicht leicht gemacht", sagte sie. Heute jedoch könne sie ihren Dank für die gute Zusammenarbeit an viele Stellen, darunter die Landkreise Pfaffenhofen und Neuburg-Schrobenhausen, die Pro Familia mitfinanzieren, und die Landesstiftung "Mutter und Kind", richten. Von dort flossen bisher fast 400 000 Euro an Unterstützung. Sozialbürgermeister Sepp Mißlbeck zeigte sich in seiner Rede beeindruckt von der Entwicklung der "führenden Beratungsstelle für Themen wie Partnerschaft und Sexualität" und hob deren neue Herausforderungen wie die Beratung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge hervor, die bei Pro Familia mit den Regeln des sozialen Umgangs mit dem anderen Geschlecht vertraut gemacht werden. Mehrere Tausend Menschen hätten in zehn Jahren Rat gesucht, über 700-mal ging es dabei um Themen wie Mutterschutz und Elterngeld. Allein 2015 verzeichnete man fast 1200 Beratungskontakte. Das seien rund 40 Prozent mehr als im Jahr davor gewesen, so der Bürgermeister.

Die Mitarbeiter Elke Scheller, Christian Zech und Eva Sindram gaben anschließend einen Überblick über ihre Beratungsfelder, zu denen unter anderem die selbstbestimmte Geburt, aber auch immer häufiger die Beratung von schwangeren Asylbewerberinnen zähle. Musikalisch begleitet wurde die stimmungsvolle Feier vom Duo blind & lame, das aus der blinden Kika Wilke und ihrer Tochter, der Sängerin Lucy, besteht, die aufgrund ihrer körperlichen Behinderung an den Rollstuhl gebunden ist. Die mittlerweile auch durch das Fernsehen bekannten Frauen trugen, begleitet auf der Gitarre, Eigenkompositionen mit Einflüssen aus Rumba, Pop und Swing vor.

Donau Kurier vom 02.03.2016

Ingolstädter Büro von pro familia steigert Beratungen um 40 Prozent.

Mit 1192 Beratungskontakten konnte das Team von pro familia Ingolstadt 2015 eine Steigerung zum Vorjahr um über 40 Prozent verzeichnen. Das geht aus dem neuen Jahresbericht des Büros hervor. 708 Fraue und Männer holten sich demnach kostenlosen Rat zu den Themen Mutterschutz, Elternzeit, Elterngeld und Ähnlichem. Weitere 176 Eltern konnten im vergangenen Jahr nach der Geburt ihres Kindes begleitet und unterstützt werden. Mit der Ausreichung voninsgesamt gut 53 000 Euro finanzieller Unterstützung für junge Familien über die Landesstiftung "Mutter und Kind" unterstützte pro familia Menschen aus der gesamten Region. Pro familia ist der führende Fachverband in Fragen der Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung. Prävention und sexuelle Bildung sind ein wichtiges Anligen der Beratungsstelle. Mit 1671 Personen (ein Plus von gut 20 Prozent) konnte in 2015 ebenfalls eine beachtliche Steigerung der Teilnehmerzahlen an Bildungsveranstaltungen verzeichnet werden. Pro familia bietet fachliche Informationen über die kindliche Sexualentwicklung für Eltern, Lehrer und Multiplikatoren. Für Jugendliche in Schulen und offenen Gruppen werden zudem Workshops und Beratungen zu körperlichen Veränderungen und Themen wie Liebe, Freundschaft und Partnerschaft angeboten.

Eine neue Zielgruppe wer im vergangenen Jahr die der unbegleiteten jungen Flüchtlinge. Mit diesem Komplex wird man sich nach Einschätzung des Ingolstädter Büros in den nächsten Jahren och intensiver beschäftigen müssen. Ebenso ist die Beratung von Menschen mit geistiger Behinderung ein Thema - ein bislang kaum beachtete Zielgruppe mit großem Informations- und Beratungsbedarf. Für Fachkräfte in der Jugendarbeit, Eltern und Multiplikatoren sind Vorträge, Beratungen und Fortbildungen abrufbar.

Junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden erhalten Beratung und Informatione, wie sie verantwortlich mit ihrer Sexualität und Partnerschaft umgehen können. In diesem Bereich arbeiten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der sexuellen Bildung und der Schwangerenberatung eng zusammen, zum Beispiel zu Fragen der Verhütung und Familienplanung.

Donau Kurier vom 12.01.2016

Was junge Flüchtlinge über Frauen denken, weiß Christian Zech recht genau. Als Sexualpädagoge arbeitet der 41-Jährige bei „Pro Familia“ mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, die in Ingolstadt, Neuburg und Eichstätt leben.

Herr Zech, begegnen Ihnen bei Ihrer Arbeit mit Flüchtlingen negative Frauenbilder?

Christian Zech: 10 bis 20 Prozent der Jugendlichen haben ein abwertendes Frauenbild: die Frau als verfügbares Gut des Mannes. Da habe ich Bauchgrimmen, wenn ich die reden höre. 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen sind hochanständig, fast überanständig. Der Rest liegt dazwischen. Da hätte ich aber keine Angst, dass die Frauen respektlos begegnen. Was in Köln passiert ist, ist da eine ganz andere Sachlage.

Welche Rolle spielt Religion?

Zech: 80 Prozent der Jungen, mit denen ich arbeite, sind Muslime. Der Islam hat ein sehr aufgeteiltes Rollenverständnis – je nach Auslegung des Koran. Das ist nicht unbedingt eine Abwertung, zum Teil zählen die Frauen auch mehr als die Männer.

Was sind klassische Probleme, denen die Jugendlichen hier begegnen?

Zech: Ein Teil ist sehr schüchtern. Die trauen sich nicht, Mädchen anzuschauen, weil es sich nicht gehört. Teilweise ist die Kontrolle durch Landsleute hier sehr stark. Die Jugendlichen sind aber interessiert: Wie läuft es hier? Wenn man sie dann alleine lässt, suchen sie sich Lösungen, zum Beispiel im Internet – und stoßen auf die Frauenbilder der Pornografie.

Was sagen Sie den schüchternen Jugendlichen?

Zech: Ich sage immer: Wenn Mann und Frau sich treffen, braucht es viele kleine „Jas“. Jemanden einfach anzusprechen ist teilweise unhöflich. Lieber abwarten: Lächelt sie zurück oder nicht? Dann darf man einen Schritt weiter gehen.

Wie reagieren die Jugendlichen?

Zech: Unterschiedlich. Da habe ich den relativ Gewieften, der lächelt, weil er schon Erfahrungen hat. Aber ich habe auch den, dem beigebracht wurde, keine Frau außerhalb der Familie anzuschauen. Der kann dann nicht glauben, dass er das wirklich darf. Thema sind auch die Mythen, die die Jugendlichen gehört haben. Zum Beispiel, dass es hier normal ist, dass verheiratete Frauen mit anderen Männern schlafen.

Gibt es zu forsche Jugendliche?

Zech: Klar, es gibt die Jugendlichen, die kein Gespür haben – ohne es böse zu meinen. Da war zum Beispiel ein sehr lieber Kerl, der mit vier Freunden zwei Mädels angesprochen und sich gewundert hat, dass die die Polizei gerufen haben. Das war auf einer Parkbank im Dunkeln. Dabei wollten die Jungen nur reden, weil jemand ihnen erzählt hat, das wäre okay. Aber ich habe nur ganz wenige erlebt, die ich in irgendeiner Form für gefährlich halte. Was für manche schwierig ist, ist, dass die Frauen jederzeit Nein sagen können – auch beim Knutschen. Aber das verstehen manche Deutsche genauso wenig.

Erleben Sie bei den Jugendlichen Frustration, weil sie Frauen vergeblich ansprechen?

Zech: Das nicht, eher die Frage: Wo sollen wir Frauen kennenlernen? Sie leben in Wohngemeinschaften und gehen in die Schule, dazwischen ist es schwierig, im sozialen Leben anzudocken.

Hören Sie vom Mythos, Frauen ließen sich einfach anfassen?

Zech: Das nicht, aber von begangenen Übergriffen höre ich gelegentlich. Bei manchen ist es jugendlicher Überschwang – das geht natürlich trotzdem nicht. Probleme gibt es, wenn das nicht richtig erklärt wird und die Jugendlichen falsche Freunde haben. Wenn ich fünf 16-jährige Deutsche ohne Aufklärung drei Wochen an einen FKK-Strand schicke, wird auch nichts Gutes herauskommen.

Kann ich an einem negativen Frauenbild etwas ändern?

Zech: Wenn es verfestigt ist, ist das sehr schwierig. Meine wichtigste Methode ist das Reden. Da gehe ich zum Teil über den Koran, der ja auch etwas Anderes sagt. Wir sprechen über Werte wie Respekt und Freiheit.

Wie sind die Rückmeldungen von den Betreuern?

Zech: Hängen bleibt, dass man über das Thema reden kann. Die Jugendlichen wissen um die Regeln und dass es Beratungsstellen gibt. Man sollte allen Flüchtlingen zeigen, wie es in Deutschland läuft – egal, ob sie bleiben oder zurückgehen. Nicht mit der Vorgabe, dass die sich nicht benehmen können. Wenn ich nach Indien reise, lese ich auch vorher im Reiseführer nach, was ich tue und was nicht.

Was ist mit Themen wie Homosexualität?

Zech: Für die Mehrheit ist es schwierig zu hören, dass das hier in Ordnung ist. Häufig höre ich aber: Das ist Europa, da geht das alles. Es geht auch darum, die Flüchtlinge zu schützen. Manchmal werden die Jungen von schwarzen Schafen ausgenutzt. Mein Job ist es nicht, die deutsche Gesellschaft vor Flüchtlingen zu schützen, sondern dafür zu sorgen, dass beide gut zusammenkommen.

Das Gespräch führte Annika Schneider. Ingolstadt: Der Ingolstädter Sexualpädagoge Christian Zech über junge Muslime und deren Frauenbild