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Interview: 50 Jahre Pille in Deutschland

 

"Verhütung ist auch eine Form von Macht."

Am 1. Juni 1961, vor genau 50 Jahren also, kam in Deutschland ein neues Medikament auf den Markt. Anovlar, bald kurz „die Pille“ genannt, wurde anfangs zurückhaltend als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden vermarktet. Eine „Nebenwirkung“ des Präparats sollte das Leben unzähliger Frauen und Männern revolutionieren: Die Pille war die erste Form der hormonellen Empfängnisverhütung, und sie ist bis heute die sicherste.
Sozialpädagogin Hermine Baumann (61), seit 1979 Beraterin bei pro familia München, und Dr. Renate Schicketanz (76), Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und beratende Ärztin der ersten Stunde beim Ortsverband, berichten aus der Geschichte einer kleinen Tablette mit großer Wirkung.

pro familia gibt es seit 1952, den Ortsverband München erst seit 1969. Wo haben sich Frauen zum Thema Verhütung beraten lassen, bevor es die Organisation gab?

Hermine Baumann (HB): In der Weimarer Republik gab es bereits eine Laienorganisation, die in den Arbeitervierteln sexuelle Aufklärung und „Sexualhygiene“ vermittelte. Im Dritten Reich und in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war Sexualität jedoch ein Tabuthema.

Renate Schicketanz (RS): Als die Pille dann auf den Markt kam, war sie erst einmal extrem schwer zu bekommen. Die Adressen von Gynäkologen, die zum Thema Verhütung berieten, wurden als Geheimtipps von Frau zu Frau weitergereicht. Zunächst erhielten auch nur verheiratete Frauen, die schon drei oder vier Kinder hatten, ein Rezept. 1968 erklärten dann die Vereinten Nationen das Recht auf Familienplanung zum Menschenrecht.

Wie hat sich die der Umgang mit der Pille mittlerweile geändert?

RS: Anfangs stimmten die Nebenwirkungen viele Frauen skeptisch. Die Pille war damals noch sehr hoch dosiert. In den 90er Jahren gab es Angst vor einer potentiell erhöhten Brust- oder Thrombosegefahr. Diese Risiken wurden inzwischen durch Nachuntersuchungen deutlich relativiert. Mittlerweile nehmen 53 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter die Pille.

HB: Junge Frauen sind im Umgang mit hormoneller Verhütung gelassener geworden. Ihnen liegt Selbstbestimmung und Sicherheit am Herzen, und die Pille ist praktisch und zuverlässig. Etwas ältere Frauen greifen eher zu nichthormonellen Methoden wie der Spirale.

Frühe Kritiker fürchteten die Entkoppelung von Sex und Fortpflanzung und sprachen vom drohenden Sittenverfall. Auf welche Weise hat die Pille die deutsche Gesellschaft wirklich verändert?

RS: Sie hat Frauen zu mündigen Wesen gemacht, die Leben und Beruf viel bewusster und individueller planen können. Als die große Welle der „freien Liebe“ Ende der 60er Jahre einmal verebbt war, hat die Pille Partnerschaften sogar stabilisiert. Sex war jetzt nicht mehr mit der ständigen Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft verbunden.

HB: Ich weiß nicht, was eine erfüllte, angstfreie Sexualität mit Sittenverfall zu tun haben soll. Sie gehört einfach zum Leben und ist Ausdruck von Intimität.

Die soziale Akzeptanz und Verträglichkeit der hormonellen Verhütung sind ungemein gestiegen. Welche Probleme und Herausforderungen sehen Sie gegenwärtig für Frauen, die „auf der Pille“ sind?

HB: Viele Frauen sind unzureichend darüber informiert, was die Wirkung der Pille vermindern kann – zum Beispiel die Einnahme bestimmter Medikamente oder Antibiotika. Wenn sie dann doch schwanger werden, ist es ein Schock, weil sie sich gar nicht bewusst als fruchtbare Wesen erlebt hatten. Auch das komplette Ausschalten der Menstruation durch hormonelle Verhütungsmittel kann eine gewisse Entfremdung vom eigenen Körper zur Folge haben. Ich rate Frauen immer, sich solche Methoden vorher gut zu überlegen.

Wie sieht die Zukunft der Verhütung aus? Ist die oft geforderte Pille für den Mann in Sicht?

RS: Die Pille für den Mann ist sehr problematisch. Wenn gar keine Spermien mehr produziert werden sollen, muss die hormonelle Dosis sehr hoch sein. Das sorgt für zu viele Nebenwirkungen. Bis aufs Weitere wird es bei der Pille und den anderen bereits erhältlichen Formen der Verhütung bleiben.

HB: Ich höre immer wieder die Beschwerde, Frauen würden die ganze Last der Empfängnisverhütung tragen. Aber es sind schließlich die Frauen, die schwanger werden können. Eine ungewollte Schwangerschaft hat für eine Frau schwerere – körperliche – Konsequenzen als für einen Mann. Die Familienplanung in der Hand zu haben ist auch eine Art von Macht, die Frauen selbstbestimmt ausüben sollten.