Neue Wege finden - für Paare und Familien

Interview mit Dipl.-Psych. Alix Schröder, Psychologische Psychotherapeutin, Beraterin in der pro familia Beratungsstelle Bremen

Frau Schröder, wie lange arbeiten Sie bei pro familia?

Seit achtzehn Jahren, überwiegend im Bereich Paar- und Sexualberatung . Ich bin Sexualtherapeutin, Systemische Familientherapeutin, habe die Integrative Therapie und Traumatherapie gelernt.

Zum Landesverband der pro familia Bremen gehören drei Beratungsstellen: Bremen Mitte, Bremerhaven, Bremen-Nord. In der Paar- und Sexualberatung arbeiten Psycholog*innen, Pädagog*innen mit Weiterbildungen im Bereich Paar- und Sexualberatung. Insgesamt sind es derzeit fünf Kolleg*innen.

Wie sind Sie zu pro familia gekommen?

Ich hatte die Arbeit der pro familia schon länger ‚als Fan‘ verfolgt und mich schließlich hier beworben, nachdem ich in der Erziehungs- und Paarberatung, in der Schulpsychologie und in der Akutpsychiatrie gearbeitet hatte. Ich wollte mit Familien arbeiten. Die politische Ausrichtung des Vereins und dessen Eintreten für eine sexuelle Selbstbestimmung, die die Grenzen anderer nicht übertritt, waren es, die mich mitwirken lassen wollten.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Lauf der Zeit verändert?

Als ich anfing, gab es viel kollegialen Austausch; wir haben immer wieder neue Themenschwerpunkte entwickelt, Vorträge gehalten, öffentlich Filme gezeigt, Workshops organisiert. Zu der Zeit waren die Schwerpunkte im Bereich Sexualität Orgasmus- /Erektionsstörungen, Vaginismus oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Lustlosigkeit, weibliche oder männliche Sexualität, Paargesundheit, Sexualität und Krebs. Im Paarbereich waren es strittige Rollen in der Paarbeziehung, Patchworking, Liebesverlust.

Heute geht es mehr als früher um Bisexualität, Transidentität, um Affären, um unerfüllten Kinderwunsch, Orgasmusstörungen, Langeweile miteinander oder Zeitmangel. Die gesellschaftliche Veränderung, die eine Individualisierung und das Muss zur Selbstoptimierung gefördert hat, führte in Paarbeziehungen zu einer Zunahme an lose gebundenen, offenen Beziehungen, Affären, an Trennungen. Cybersex gab es in der heutigen Ausprägung vor achtzehn Jahren auch nicht. Konflikte nehmen zu, bei gleichzeitiger größerer Sprachlosigkeit und abnehmender Konsensorientierung. Ich finde es spannend und herausfordernd, dass sich Themen verändern, zu versuchen, die Paare wieder in Kontakt zu bringen, zu unterstützen, die Sprachlosigkeit zu überwinden; sich wieder einander zuzuwenden. Besorgniserregend erscheint es mir, dass es vielen schwerer fällt, sich körperlich zu spüren oder sich anzunehmen; der Anspruch, dass der Körper zum ewig jungen, perfekten optimiert werden muss, ist problematisch. Leider haben auch psychische Erkrankungen zugenommen, die manchmal erfordern, dass eine Beratung länger angeboten werden muss. Wir sind keine Stelle für Kriseninterventionen. Auch ist mehr damit umzugehen, dass Klient*innen gleichzeitig anderswo in Psychotherapie sind. Aber, wie gesagt, ich mag neue Herausforderungen!

Wie kann ich mir eine Paarberatung vorstellen?

Meine Aufgabe ist es, beiden Partner*innen gerecht zu werden. Wäre ich parteiisch, würde ich eines meiner Gegenüber verlieren. Zudem geht es darum, die Belastung, die Schwere auszutarieren. Niemand öffnet oder verändert sich, wenn er/sie sich zu sehr kritisiert oder emotional bedroht fühlt oder hoffnungslos wird. Ich bin im Kontakt spürbar, eher authentisch, soweit es in den professionellen Rahmen passt. Manchmal mit viel Humor, manchmal sehr ernst. Und dann suche ich mit den Klient*innen einen besseren Weg, als den bisherigen. Wir arbeiten an der Paargeschichte, an der Gegenwart, es werden Tipps und Übungen ausprobiert, schließlich braucht es neben dem Verstehen und Reden, auch das Tun, um diesen Weg zu finden. Es soll ein besseres Miteinander sein oder auch die Klarheit, sich zu trennen. Letztlich entscheiden die Klient*innen, ob sie die Schritte wirklich gehen. Ich freue mich immer sehr darüber, mitzuhelfen, neue Wege zu finden.