Standpunkt "Kindliche Sexualität"

Der pro familia Landesverband Bremen e.V. spricht sich eindeutig gegen pädosexuelle/sexuelle Handlungen von Erwachsenen an Kindern aus. Sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern fügen der kindlichen Entwicklung großen Schaden zu. Sie sind als sexuelle Gewalt an Kindern einzuordnen.

Die Entwicklung einer gesunden kindlichen Sexualität ist für die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit eines Kindes von großer Bedeutung. Kinder brauchen Erwachsene, die Erfahrungsräume zum Erkunden und Erforschen des eigenen Körpers und der Umwelt geben, die sprachfähig und ansprechbar sind, die eindeutige Antworten auf die Fragen der Kinder geben - sie dabei gut begleiten, die eigenen Grenzen und die der anderen kennenzulernen und zu wahren.

Kindliche und erwachsene Sexualität sind grundlegend verschieden.

Erwachsene Sexualität zeichnet sich vor allem durch genitale Sexualität, Lust, Erotik, Begehren und Befriedigung aus, während sich kindliche Sexualität insbesondere im neugierigen, spielerischen Erforschen des eigenen Körpers und der Umwelt ausdrückt. Dabei erlebt das Kind seinen Körper ganzheitlich und ist auf sich selbst bezogen. Es geht darum, sich viele schöne, wohlige Gefühle zu machen.

Bei der Entwicklung einer gesunden Sexualität ist das Kind auf das liebevolle Umsorgen seiner Bezugspersonen angewiesen. Besonders im Baby- und Kleinkindalter wird die Welt über sinnlich-taktile Erfahrungen wahrgenommen. Im Alter zwischen ca. 3 und 6 Jahren nimmt das Interesse an den eigenen Genitalien, denen der Erwachsenen und auch denen anderer Kinder-  z.B. im Rahmen von sogenannten Doktorspielen - zu. Dieses Interesse am eigenen Körper und Körperprozessen ist jedoch nicht sexuell motiviert, sondern eine Sache neben vielen anderen Dingen, die es zu entdecken und verstehen gilt. Sie ist maßgeblich von Neugier geprägt. In diesem Alter stellen die Kinder viele Fragen, auch zu den Themen Schwangerschaft, Zeugung und Geburt. Hier sind Erwachsenen häufig vor die Herausforderung gestellt, adäquat auf die Fragen einzugehen, d.h. immer dem Entwicklungsstand und Alter des Kindes entsprechend. Das Spielen an den Genitalien oder die sog. Doktorspiele mit anderen Kindern sind kein Zeichen sexueller Lust, sondern vielmehr vom Begreifen und Aneignen der Umwelt. Sie sind Ausdruck einer gesunden kindlichen Sexualität. Wichtig ist dabei, dass es Regeln gibt, die die Kinder kennen. So darf z. B. kein Machtgefälle zwischen den Protagonist*innen vorhanden sein. Ebenso muss Freiwilligkeit gegeben sein. Zudem sollten die Kinder ungefähr gleich alt sein und es keine älteren oder erwachsenen Zuschauer*innen geben. Die Kinder ziehen sich meistens für Doktorspiele zurück. Hier haben Erwachsene nichts zu suchen! Das schließt aber nicht die Möglichkeit aus, dass Erwachsene aufgrund ihrer „Aufsichtspflicht“ erlaubt sind und sie hin und wieder nach den Kindern sehen. Aufgrund besonderer Dynamiken zwischen den Kindern oder eines komischen Gefühls der Erwachsenen kann es nötig sein zwischendurch nach ihnen zu schauen oder auch- z.B. bei nicht (mehr) vorhandener Freiwilligkeit - das Spiel zu beenden.

Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen die Grenze zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität zu wahren.

Es darum kindliche Sexualität als eine eigenständige Sexualitätsform anzuerkennen. Kindliche Sexualität hat nichts mit erwachsener Sexualität zu tun. Diese darf nicht für die eigene sexuelle Bedürfnisbefriedigung ausgenutzt werden, z.B. das Zeigen lassen der Genitalien als „Sexualaufklärung“ oder das Berühren der kindlichen Genitalien als „spielen“ ausweisen. Das sind eindeutige körperliche Grenzüberschreitungen, die als sexuelle Gewalt an Kindern einzuordnen sind. Von ihrer kindlichen Neugier geleitet, kann es auch vorkommen, dass Kinder nach dem gemeinsamen Baden/Duschen mit ihren Eltern diese an ihren Genitalien anfassen möchten. Auch hier liegt es in der Verantwortung der Erwachsenen wie sie mit der Situation umgehen, da das Kind diese noch gar nicht einschätzen kann. Sofern es für die Eltern in Ordnung ist, darf aus sexualpädagogischer Sicht das Kind die Genitalien einmal berühren und weiß dann wie diese sich anfühlen. Ist es den Eltern jedoch unangenehm, sollte dieses Gefühl vor der Neugier des Kindes Vorrang haben und sie dürfen Nein sagen (z.B. Das möchte ich nicht, das ist mein persönlicher Bereich) und sind zugleich für ihr Kind Vorbild im Nein-Sagen und eigene Grenzen ziehen (Das Kind erfährt, wie die Eltern mit ihrem eigenen Körper umgehen und dass es erlaubt ist Nein zu sagen). Es ist sexuelle Gewalt, wenn die Eltern das Kind dazu auffordern, sie an den Genitalien zu berühren und/oder solche oder ähnliche Situationen immer wieder herbeiführen für die eigene sexuelle Erregung.

Aufgrund des fundamentalen Unterschiedes zwischen kindlicher und erwachsener Sexualität sowie des strukturellen Machtunterschiedes zwischen Kindern und Erwachsenen, also ihrer kognitiven, psychischen, körperlichen und sprachlichen Unterlegenheit, sind Kinder oft nicht dazu in der Lage klare Grenzen aufzuzeigen und können die Tragweite von sexuellen Handlungen mit Erwachsenen gar nicht erfassen. Die Verantwortung hierfür- die Grenzen der Kinder zu achten -  liegt immer bei den Erwachsenen. Sexuelle Gewalt beginnt dort, wo körperliche Nähe nicht dazu dient Zuneigung auszudrücken, sondern zur eigenen Bedürfnisbefriedigung ausgenutzt wird.

Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder

Ein Kind, das gut aufgeklärt ist, d. h. mit seinem Körper und seinen Gefühlen vertraut ist und sich gut auskennt, gute und schlechte Geheimnisse unterscheiden kann, die richtigen Begrifflichkeiten der Sexualorgane kennt, sprachfähige und ansprechbare erwachsene Vertrauenspersonen hat, ist bei sexuellen Übergriffen besser geschützt. Einem selbstbewussten, aufgeklärten Kind gelingt es eher eine Grenze zu setzen (z.B. aufgrund eines komischen, ekligen, ängstlichen Gefühls). Es schafft es eher, sich Hilfe zu holen oder auch nach einem erlebten Übergriff diesen überhaupt einordnen und benennen zu können (z.B. aufgrund des Wissens, was Erwachsene oder ältere Kinder tun dürfen und was nicht) und sich einer Person anzuvertrauen. Das „Stark-machen“ der Kinder kann dazu beitragen, dass Übergriffe erst gar nicht stattfinden oder diese schneller beendet werden. Zugleich ist hier jedoch wiederholt anzumerken, dass die Verantwortung für die sexuellen Handlungen eindeutig bei den Erwachsenen liegt. Aufgrund des systematischen Vorgehens und starken Geheimhaltungsdrucks, dem die Kinder häufig durch bekannte Erwachsene aus dem nahen sozialen und familialen Umfeld bei sexueller Gewalt ausgeliefert sind, ist es oft gar nicht möglich sich durch Nein sagen oder Grenzen setzen zu wehren. Sich wehren kann dadurch nur weitere Schuldgefühle bei den Kindern entstehen lassen.