Queerfeindlichkeit darf nicht salonfähig werden - Pressemitteilung des pro familia Landesverbandes Baden-Württemberg
Stuttgart, 11.05.2026. Seit 2005 wird der 17. Mai international als Aktionstag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie begangen – das Datum erinnert an die Streichung von Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel ICD-10 durch die Weltgesundheitsorganisation 15 Jahre zuvor. Ein wirkmächtiger Schritt, der die Abkehr der Vorstellung von Homosexualität als Krankheit festschrieb.
Laut einer IPSOS-Studie von 2025 gehört Deutschland zwar zu den Ländern mit vergleichsweise hoher gesellschaftlicher Akzeptanz gegenüber LGBT+-Personen, aber es gibt eine deutliche Tendenz zur Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas gegenüber queeren Menschen, insbesondere in Bezug auf trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen – das zeigen die Ergebnisse des Vielfaltsbarometers der Bosch-Stiftung zwischen 2019 und 2025. Baden-Württemberg gehört demnach zu den drei Bundeländern mit der geringsten Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Orientierungen.
pro familia versteht das als klaren Arbeitsauftrag: „Die Statistiken zeigen deutlich, dass hier weiterhin dringender Aufklärungsbedarf besteht, Queerfeindlichkeit darf nicht salonfähig werden“, so Ruth Weckenmann, Vorstandsvorsitzende von pro familia Baden-Württemberg. „pro familia setzt sich als führender Fachverband seit Jahrzehnten für sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Vielfalt ein. In den Angeboten zur Sexuellen Bildung fördern unsere sexualpädagogischen Fachkräfte daher Toleranz, Offenheit und Respekt.“ Dabei würden Themen wie sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität, aber auch Familienmodelle und Lebensentwürfe altersentsprechend vermittelt.
Darüber hinaus berät pro familia in Baden-Württemberg queere Menschen und ihre Angehörigen in den Beratungsstellen. Eine positive neue Entwicklung ist, dass die Beratungsstelle in Konstanz zu diesem Zweck durch die Stadt Konstanz eine gesonderte Förderung zugesprochen bekommen hat und seit 01. April 2026 als ‚queere Beratungsstelle‘ das psychosoziales Beratungsangebot für queere junge Menschen in Konstanz kostenlos anbieten kann.
Zudem bietet pro familia auch Räume für Austausch und Vernetzung, beispielsweise mit dem Queer-Café im Familienzentrum Schorndorf, das pro familia Waiblingen in Kooperation mit dem PräNetz, dem Kreisjugendamt, dem Mehrgenerationenhaus und Familienzentrum Schorndorf realisiert.
Pressekontakt:
Pia Riegger, pro familia Baden-Württemberg, pia.riegger@profamilia.de, Tel.: +49 170 6311280
pro familia Baden-Württemberg – Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V. ist Teil eines bundesweiten Fachverbandes für Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung. Als Netzwerk engagiert sich pro familia für sexuelle und reproduktive Rechte und Gesundheit. Zu pro familia in Baden-Württemberg gehören 18 Kreis- /Ortsvereine mit 19 Beratungsstellen und sechs Außenstellen. Die Beratungsstellen bieten Sexual-, Schwangerschafts-, und Paarberatung. pro familia ist darüber hinaus mit sexualpädagogischen Angeboten in Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen und durch Informationsveranstaltungen und Fortbildungen für Eltern, Lehrkräfte und Betreuungspersonal aktiv. Als Landesverband organisiert pro familia Baden-Württemberg den fachlichen Austausch zwischen den Beratungsstellen, unterstützt deren Arbeit und vertritt pro familia in Gremien auf Landesebene, gegenüber Politik und Verwaltung sowie in der Öffentlichkeit. pro familia Baden-Württemberg wird durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg gefördert und ist Mitglied im Paritätischen Baden-Württemberg und im Landesfrauenrat.
Zugang statt Zufall: Verhütung und Schwangerschaftsabbruch absichern!
Zum Internationalen Frauentag fordert pro familia einen gleichberechtigten Zugang zur reproduktiven Gesundheitsversorgung in ganz Deutschland
Verhütung darf kein Luxus sein, ein Schwangerschaftsabbruch keine Tagesreise bedeuten. Doch für viele Menschen in Deutschland ist genau das Realität. Zum Internationalen Frauentag am 8. März macht pro familia deutlich: Selbstbestimmte Familienplanung hängt hierzulande vom Wohnort und vom Einkommen ab. Der Verband fordert die Politik auf, einen gleichberechtigten Zugang zur reproduktiven Gesundheitsversorgung sicherzustellen – durch die Kostenübernahme von Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen sowie durch eine verlässliche regionale Versorgung.
Verhütung: Die Postleitzahl entscheidet
Ob die Pille, Spirale oder andere Verhütungsmittel bezahlbar sind, ist für Menschen mit geringem Einkommen eine existenzielle Frage. Trotzdem gibt es bisher keine bundesgesetzliche Regelung zur Kostenübernahme. Stattdessen entstehen regionale Einzelmodelle – freiwillig, befristet und abhängig von der Haushaltslage. Muss die Kommune sparen, werden sie gestrichen. Wer in einer Region lebt, die ein solches Modell anbietet, hat Glück. Wer in einem anderen Einzugsgebiet wohnt, zahlt selbst. Eine bundesweite Strategie fehlt. Nicht verschreibungspflichtige Verhütungsmittel oder Kondome sind grundsätzlich ausgeschlossen. Einen geregelten Zugang statt Zufall, das fordert pro familia.
Schwangerschaftsabbruch: Versorgungslücken sind Realität
Die Ergebnisse der ELSA-Studie zeigen deutlich: In mehreren Regionen Deutschlands ist der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch mit weiten Wegen und strukturellen Hürden verbunden – besonders in Bayern, auch in Teilen von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. In einigen Gegenden müssen Betroffene lange Anfahrtswege in Kauf nehmen und zusätzliche Kosten stemmen. Mehr als jede fünfte befragte Frau gab in der Studie an, dass sie die Finanzierung des Schwangerschaftsabbruchs vor erhebliche Schwierigkeiten stellt.
Zudem zeigt die Erfahrung unserer Beratungsstellen vor Ort: Die reine Zahl der medizinischen Einrichtungen sagt wenig über die tatsächliche Versorgung aus. So bieten viele Praxen Schwangerschaftsabbrüche nur gelegentlich an – und häufig nur nach einer der beiden Methoden, entweder operativ oder medikamentös.
Die Bundesländer sind gesetzlich verpflichtet, eine ausreichende medizinische Versorgung sicherzustellen. Dieser Auftrag wird unter anderem dort gefährdet, wo konfessionelle Kliniken Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich nicht durchführen. Es liegt in der Verantwortung der Länder zu prüfen, ob dadurch Versorgungslücken entstehen – und diese im Nachgang zu schließen.
Politische Zusagen müssen umgesetzt werden
Die Regierungskoalition hat im Koalitionsvertrag eine Kostenübernahmeregelung für Schwangerschaftsabbrüche in Aussicht gestellt. Diesen Ankündigungen müssen konkrete gesetzliche Schritte folgen.
„Selbstbestimmung endet in Deutschland noch immer an finanziellen und regionalen Grenzen“, sagt Monika Börding, Vorsitzende des pro familia Bundesverbands. „Reproduktive Rechte sind Menschenrechte. Und Menschenrechte dürfen weder vom Geldbeutel noch von der Postleitzahl abhängen.“
Der Internationale Frauentag ist kein symbolischer Gedenktag. Er ist ein Gradmesser für eine tatsächliche Gleichstellung.
pro familia fordert:
- eine bundesweite gesetzliche Regelung zur Kostenübernahme von Verhütungsmitteln
- die vollständige Kostenübernahme von Schwangerschaftsabbrüchen
- eine flächendeckende, wohnortnahe medizinische Versorgung
- eine klare Wahrnehmung der Versorgungsverantwortung durch die Bundesländer.
Der Zugang zur reproduktiven Gesundheitsversorgung darf kein Zufall sein. Er ist Voraussetzung für Gleichstellung – in Deutschland und weltweit.
ProFamilia Heilbronn - jetzt auch auf Instagram!
Seit Kurzem gibt es aktuelle Informationen zu unserer Beratungsstelle - wie beispielsweise zu unserem Beratungsangebot, Kursen und weitere Veranstaltungen - auch auf Instagram.
Sie finden uns unter: https://www.instagram.com/profamilia_heilbronn/
2025/08 ELSA-Studie deckt gravierende Versorgungslücken bei Schwangerschaftsabbrüchen in Baden-Württemberg auf
Baden-Württemberg gehört laut der am 13. August 2025 vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichten ELSA-Studie („Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer – Angebote der Beratung und Versorgung“) zu den drei Bundesländern mit dem geringsten Versorgungsgrad bei Schwangerschaftsabbrüchen. Die vom Verbund aus sechs Hochschulen erarbeitete Untersuchung zeigt erstmals umfassend die psychosoziale und medizinische Versorgungslage in Deutschland auf.